Weimar
Goethe und Schiller in Weimar vor dem Nationaltheater
Bericht eines Schülers
Dank der Initiative unserer Deutschlehrerinnen Frau Dinkelborg und Frau Geiselhardt konnten wir im November 2006 an einer Kursfahrt nach Weimar teilnehmen. Anfangs war die Motivation bei den Schülern eher gering: Die Fahrt fiel in den Klausurenstress und das volle Programm, das uns erwartete, schien auf wenig erholsame drei Tage hinzudeuten. Zusammen mit einer frühen Abfahrt am Montagmorgen und langem Warten auf den Schienenersatzverkehr aufgrund eines Ausfalls unseres Zuges wegen einer defekten Oberleitung führte dies dazu, dass Weimar uns zuerst als einen kaputten und unmotivierten Haufen zu Gesicht bekam.
Unseren negativen Erwartungen entsprechend ging der Stress auch schon gleich los. Wir waren im Verzug und mussten direkt vom Bahnhof zu Goethes Gartenhaus. Gott sei Dank war genug Zeit für den Stopp in einem FastFood Restaurant. Neben qualitativ hochwertigem Essen wurden wir hier von den freundlichen Weimarern im wahrsten Sinne des Wortes wie Könige begrüßt. Frisch gekrönt ging es weiter zum Gartenhaus. Hier erwartete uns unser „Guide“ schon. Anfangs, das gebe ich gerne zu, war er mir wenig sympathisch, da er mich mit seiner Bemerkung „Wir sind doch hier nicht im Kindergarten!“ aus den Illusionen meines Königtums mehr oder weniger unsensibel herausriss. Meine Papierkrone landete umgehend im Müll. Doch ich musste mein Bild über den Mann revidieren. Es gelang ihm, uns immer aktiv in seine Ausführungen einzubeziehen. Was vorher unwahrscheinlich schien, geschah: Wir begannen, uns für das Leben Goethes auf diesem Landhaus zu interessieren.
Ich könnte jetzt weitere Geschichten von unseren Führungen durch das Schillerhaus, Goethes Wohnhaus, eine Ausstellung und das Wittumspalais erzählen. Ich könnte auch sachliche Informationen zu den einzelnen Sehenswürdigkeiten geben. In diesem Zusammenhang soll es aber genügen festzuhalten, was sie alle gemeinsam hatten: Sie waren wirklich sehenswert. Man glaubt gar nicht, was für einen Unterschied das macht, Dinge wirklich zu sehen, anstatt nur davon zu hören. Man hat einen viel direkteren Bezug, kann viel mehr damit anfangen. Und der Eindruck ist ein bleibender. Das klingt jetzt sicherlich pathetisch, aber ich denke, wir lesen jetzt Goethe oder Schiller mit anderen Augen. Wir sind besser in der Lage den Menschen, der hinter dem Werk steht, zu identifizieren. Dies halte ich für einen großen Gewinn.
Eine schöne Begleitung bildeten die Referate der Kursteilnehmer über die unterschiedlichen Aspekte und Protagonisten der Weimarer Klassik. Wir durften dabei kreativ sein und über die typischen Präsentationsformen hinaus Dinge darstellen. Meine Gruppe dachte sich etwa ein fiktives Streitgespräch zwischen Literaturkritikern aus, in dem die verschiedenen Positionen zur Beziehung zwischen Goethe und Schiller deutlich wurden. Die Präsentation hat zumindest der vorspielenden Gruppe, ich glaube aber auch den anderen, großen Spaß gemacht und es ist außerdem auch auf dieser Ebene gut gelungen, Wertvolles zu vermitteln. Ähnliches gilt für die meisten anderen Präsentationen.
Am letzten Tag unseres Aufenthalts stand allerdings etwas anderes auf dem Programm. Es ging in das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Auch hier kamen wir in den Genuss einer Führung. Ich möchte nicht behaupten, dass es schön war. Es war schrecklich und schockierend. Der kalte Herbstwind tat das Seinige. Ich bin dennoch unheimlich dankbar dafür, das gesehen zu haben. Es wird deutlich, dass Bücher das Ausmaß der Schrecken nicht annähernd beschreiben können. Auch jetzt bleibt das Verbrechen in seiner Ganzheit sicherlich noch unklar. Wir haben es nicht erlebt, wir können die Größe der Ungerechtigkeit nur erahnen. Aber ich glaube, man wird auf eine andere, wenn auch sicherlich schmerzhafte Art sensibilisiert, wenn man in Verbrennungs- und Tötungsmaschinen blickt und wenn man die Folterwerkzeuge sieht.
Unsere anfänglichen Bedenken über das volle Programm waren übrigens ungerechtfertigt. Wir hatten genug Zeit, Weimar selbst zu erforschen. Auch die freien Abende trugen dazu bei, dass bei keinem das Gefühl von Überanstrengung aufkam. Einziger wirklicher Reinfall der Fahrt war der Theaterbesuch. Das Stück, ich möchte es lieber nicht beim Namen nennen, hat soweit ich weiß wirklich niemandem gefallen. Wir hatten jedoch leider aufgrund der kurzen Dauer unseres Aufenthalts keine Auswahlmöglichkeiten und mussten uns mit dem abfinden, was gerade lief.
Insgesamt war die Fahrt nach Weimar eine sehr interessante und schöne Kursfahrt. Es ist erstaunlich, was für einen Unterschied drei Tage machen können. Ein bisschen schade ist, dass die Weimarer Klassik für uns im dritten Semester jetzt nicht mehr Unterrichtsthema ist. Vor dem Hintergrund unserer Reise hätte es sicherlich doppelt Spaß gemacht, sich mit Goethe und Schiller in der Schule auseinanderzusetzen. Rückblickend ziehe ich trotzdem ein positives Fazit. Ich finde, dass eine solche Fahrt empfehlenswert für jeden Deutschkurs ist.
Leon Kanthk
Programm:
6. 11. 06 Ankunft in Weimar
13.30 Uhr Besichtigung Goethes Gartenhaus
Jan und Simon: Goethe und die Natur
15.00 Uhr Besichtigung Schillerhaus
Steffi, Judith und Viktoria: Leben und Schaffen Friedrich Schillers
Leon, Felix und Jakob: Gemeinsames Schaffen von Goethe und Schiller
07.11.06 Weimar
9.00 Uhr Besichtigung Goethes Wohnhaus
10.30 Uhr Ständige Ausstellung
11.30 Uhr Besichtigung Wittumspalais
Nicole: Die Beziehung von Christiane Vulpius und Goethe
Oliver und Hendrik: Die Beziehung zwischen Charlotte v. Stein und Goethe
Inken, Rebecca und Jaqueline: Lenz bei Goethe in Weimar
Tonio und Nikita: Anna Amalia und der Musenhof in Weimar
20:00 Uhr: Theaterbesuch – Heiner Müller: Quartett
08.11.06 Buchenwald und Abfahrt
9.00 Uhr Besuch der Gedenkstätte Buchenwald
16.56 Uhr Abfahrt in Weimar
Vor allem Herrn Nasdala von der Universität Jena danken wir für die einmalig interessanten und motivierenden Führungen in Weimar.
Auch die Führung von Frau Kabrizius in Buchenwald hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Zum Abschluss noch die Textgrundlage einer
Schülerpräsentation in Weimar:
Leon:Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, ich begrüße Sie herzlich zu unserer heutigen Sendung vom Literarischen Trio, leider nur auf zehn Minuten begrenzt aufgrund der Kollegen von der Glücksspirale, die auch noch unbedingt einen Sendeplatz in der PrimeTime haben mussten. Wie immer heiße ich meine Experten Felix Grun und Jakob Szur willkommen. Unser heutiges Thema: Das gemeinsame Schaffen von Goethe und Schiller. Sie beide haben Großes für die deutsche Literatur geleistet. Für etwas noch Größeres gingen sie einen Bund ein. Lassen Sie uns heute diese ästhetische Allianz würdigen.
Felix: Das meinen Sie doch wohl nicht ernst?!!
Jakob: Die ästhetische Allianz ist eines der hartnäckigsten Gerüchte der Literaturgeschichte. Von einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Goethe und Schiller kann nun wirklich nicht die Rede sein.
Felix: Sehr richtig Herr Szur!
Leon: Moment mal: Sie können doch nicht ernsthaft leugnen wollen, dass die ästhetische Allianz eines der bedeutendsten und produktivsten Künstlerbündnisse überhaupt war. Denken Sie nur an die Weimarer Klassik. Beide, Schiller und Goethe, haben sich in ihrem Wirken ergänzt und sich gegenseitig verbessert.
Felix: Unsinn! Es tut mir leid, aber ich bin kein Vertreter dieses Ammenmärchens. Vor der Gründung dieser so genannten Allianz war Schiller längst ein erfolgreicher Romanautor. Und das trotz der schwierigen Verhältnisse, mit denen er zu kämpfen hatte. Schiller hatte es auch ohne einen geebneten Weg geschafft, zu Ruhm zu gelangen. Goethes große Zeit war da längst vorbei. Er brauchte die Ausstrahlung des talentierten Schiller, um wieder aus dem Schatten - aus der Isolation- zu treten. Schillers Glanz sollte auch auf Goethe abstrahlen. Hans Mayer hat diese Situation scharfsinnig beschrieben. Er schreibt: „Schiller war erfolgreich. Goethe war es nicht.“ Hierin liegt der wahre Grund der ästhetischen Allianz.
Jakob: Einem direkten Vergleich mit Goethe hält Schiller doch gar nicht stand. Auf der einen Seite das Genie, welches sich schon im „Werther“ offenbarte und nun durch seine dazu gewonnene Fortschrittlichkeit und seinen literarischen Anspruch das Niveau aller seiner Zeitgenossen bei weitem übertraf, diese bisweilen sogar überforderte – auf der anderen Seite der biedere verspätete Stürmer und Dränger, der dem Volk nach dem Mund zu reden wusste und allein deshalb Erfolge feierte. Allianz? Ha! Das impliziert doch, dass so etwas wie Gleichwertigkeit bestanden hätte. Goethe war dem anderen in allen Belangen überlegen und Schiller hat dies sogar anerkannt. In seinem Brief an Goethe vom 23. August 1794 spricht er etwa von „immer erneuerter Bewunderung“, die er gegenüber Goethes Geist empfinde. Die dreiste Behauptung, Schiller habe Goethe inspiriert, lässt sich übrigens auch durch Schiller widerlegen: „die Anschauung ihres [gemeint ist Goethes] Geistes [hat] ein unerwartetes Licht in mir angesteckt“. Es verhielt sich also umgekehrt, Schiller erfuhr seine Erleuchtung durch Goethes Genie.
Felix: (lacht) Sie als Experte müssen doch erkannt haben, welche Intention hinter dem von Ihnen zitierten Brief Schillers steht. Dieser wollte Goethe für seine Zeitschrift, die „Horen“, gewinnen. Dabei nutzte er seine „Lebensklugheit“, von der Goethe berichtete, sie sei viel größer als dessen eigene. Schiller wusste, dass er den alternden eitlen und selbstverliebten Herrn loben musste, um von ihm eine Zusage zu erhalten. Später unterstützte er den Druck des „Didos“, eines Anti-Goethe. So wurde seine wirkliche, sehr viel realistischere Einschätzung von Goethes Schaffen deutlich.
Leon: Diese Streiterei ist doch albern und keineswegs zweckdienlich. Wir haben hier zwei große Geister vor uns, jeder auf seine eigene ihm spezielle Art und Weise. Wer will, wer kann da werten? Und gemeinsam waren sie sogar noch besser, ihren unterschiedlichen Herangehensweisen zum Trotz. Hier der um Objektivität bemühte, „realistische“ Goethe und da der das Subjekt betonende, „idealistische“ Schiller. Mit gesteigerter Produktivität schufen sie etwas Neues, Gemeinsames, etwas, das von keinem allein hätte vollbracht werden können. Das können Sie, meine Herren, doch nicht ernsthaft in Frage stellen. Die Einheit der beiden geistigen Größen unter der Fahne der Wahrheit und Schönheit, die ästhetische Allianz, erfand eine neue harmonische Kultur der Humanität. Obwohl sie, wie Schiller erkannte, oft auf „sehr verschiedenen Bahnen“ dachten und wirkten, in diesem Punkt gebe ich Ihnen Recht, hatte ihr Zusammentreffen doch großen Nutzen für die gesamte deutsche iteratur. Die Weimarer Klassik betonte Klarheit, Glätte und Durchsichtigkeit. Selbst für moderne Werke sind dies Kriterien, deren Erfüllung oberste Priorität haben sollte. Mit einem erzieherischen Ehrgeiz veränderten Goethe und Schiller das Schönheitsideal der Welt so grundlegend wie niemand vor oder nach ihnen.
Felix: Ihren erzieherischen Ehrgeiz übersteigerten sie jedoch bis zur elitären Anmaßung. Sie versuchten durch derart starre Normen die Kunst in Formen zu zwängen, in welchen die Kunst aufhörte frei und in letzter Konsequenz auch sie selbst zu sein. Unter Goethe hat Schiller, und das ist mein größter Vorwurf an ihn, sein großes Talent verschenkt. Kurz vor seinem verfrühten Tod wurde Schiller, obwohl schwerkrank, von Goethe sogar mit Sekretärsdiensten betraut. Was für eine Demütigung! Von Freundschaft war da nicht mehr viel übrig. Goethe ließ sich weder an Schillers Krankenbett noch bei dessen Beerdigung blicken. Auch in den Briefen von Goethe an Schiller, als dieser schon schwer krank war, lässt sich ein Mangel an Mitgefühl und zumeist ein nur rein geschäftliches Ansinnen erkennen. Goethes spätere Lobpreisungen sind bestenfalls Ausdruck eines schlechten Gewissens gegenüber dem Verstorbenen. Wie unehrlich das jedoch war, zeigt sich daran, dass er den unter materieller Not leidenden Erben Schillers aus Eitelkeit ihren Anteil an Schillers Hinterlassenschaft vorenthielt.
Jakob: Eine moralische Beurteilung von Goethes Handeln steht uns nicht zu und ist auch eigentlich nicht Thema dieser Sendung. Wie Herr Grun gerade zugegeben hat, war im Arbeitsverhältnis zwischen Schiller und Goethe letzterer klar die dominierende Persönlichkeit. Er war der bestimmende und ideengebende Geist während der gesamten Zeit ihres gemeinsamen Schaffens. Somit erscheint der gesteigerte Erfolg der beiden logisch als das Produkt von Goethes Schöpfungskraft allein, von der auch mit einiger Abschwächung Schiller profitierte.
Leon: Es tut mir leid, aber ich muss die Diskussion an diesem Punkt beenden. Die Kollegen von der Glücksspirale drängeln schon. Als Ergebnis lässt sich wohl festhalten, dass die ästhetische Allianz zwischen Goethe und Schiller zumindest bei Ihnen beiden noch immer Thema einer kontrovers geführten Debatte ist. Ich danke Ihnen beiden, Herr Szur und Herr Grun, für die lebhafte Diskussion und natürlich Ihnen, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, für Ihre Aufmerksamkeit.